Unser Interview im Magazin "Buchmarkt":

Buchmarkt Interview
Interview zum Verlagspreis.pdf
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Frau Kyröläinen, Sie haben sich zum Deutschen Verlagspreis zu Wort gemeldet, gab es für Ihre Kritik ein auslösendes Moment?

Eigentlich nicht, sondern vielmehr geht es uns um die Gesamtheit dessen, was wir auf dem Buchmarkt beobachten. Wir hatten uns im Vorfeld natürlich überlegt, ob wir uns die Mühe machen und teilnehmen. Schließlich haben wir uns dazu entschlossen, aber ohne allzu große Erwartungen. Immer wieder machen wir und andere unabhängige Verlage die Erfahrung, dass unser Programm und unsere Titel zwar überzeugen, doch dabei bleibt es allzu oft. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wird auf das gerichtet, was ohnehin schon läuft – doch das Wagnis des Unentdeckten, das Risiko des Neulings geht man nicht ein, und das vielfach kategorisch und aus Prinzip.

 

Was beobachten Sie konkret am Buchmarkt?

Vor einigen Jahren führten wir ein für die Gesamtlage beispielhaftes Gespräch mit einem Autor, dessen Roman sich in unser Verlagskonzept hervorragend eingefügt hätte. Schließlich entschied er sich gegen uns, und das nicht etwa, weil ihn unsere Arbeit nicht überzeugte, sondern weil ihm nur zu sehr bewusst war, dass ein Verlag einer bestimmten Größe ihm einen Schutzschirm bietet, den wir ihm nicht bieten können. Ihm war klar, dass in größeren Verlagen nicht zwangsläufig die besseren Bücher erscheinen, die auch nicht zwangsläufig besser betreut werden. Aber er wusste auch, dass sich die Bedingungen am Buchmarkt immer mehr verschärfen und unbekanntere Verlage aus Prinzip oft unbeachtet bleiben. Ich habe mir sein Buch dann besorgt und festgestellt, dass es weitestgehend nicht lektoriert worden war. Sein Verlag hat letztes Jahr allerdings den Verlagspreis gewonnen – und das, obwohl ein professionelles Lektorat eines der Kriterien ist.

Die zunehmend besorgniserregende Monopolisierung der Verlage und damit Steuerung gesellschaftsrelevanter Themen stellt eine unbestreitbare Tatsache dar, die die ganze Buchbranche als solche betrifft. Selbstverständlich besteht von uns aus seit Jahren ein enger, regelmäßiger Kontakt mit Kollegen aus anderen unabhängigen Verlagen. Unser Verlag orientiert sich an der Bandbreite, die es gibt, und den sehr unterschiedlichen, wunderbaren Persönlichkeiten, die hinter dem jeweiligen Programm stehen. Alle bestätigen die von uns vorgelegte Sicht auf die Buchbranche und unsere dargelegte Kritik.

 

Was sind das für Erfahrungen?

Oft ist es in der Buchbranche nicht die Würdigung individueller Qualität oder Originalität, die Beachtung findet. Man setzt dann immer wieder auf die gleichen alten Pferde, die bereits im Rennen waren und damit kalkulierbarer erscheinen. Dann hören wir im Rahmen unserer Pressearbeit: „… ja, schade, dass Sie nicht von Hanser kommen…“ Und selbst wenn Qualität und Originalität überraschend ausgewählt wurden, wird in einem der nächsten Schritte doch wieder ausgemustert, weil es für Institutionen, Medien und Handel ein „Risiko“ bedeutet, auf etwas zu setzen, das nicht etwa schon etabliert ist. Unternehmerisches Profil wird der Gewinnmaximierung geopfert, zu Lasten der Entwicklung neuer Ideen und Lösungen von Gesellschaftsproblemen, und das beeinflusst die Vielfalt und damit Qualität der gesamten Kultur – zum Schaden aller anderen Verlage.

Darüber hinaus herrscht zunehmend auch ein verachtenswerter und unvernünftiger Verdrängungskampf, unter Autoren genauso wie unter großen Verlagen, deren Programm sich verstärkt nicht mehr Inhalten, sondern der Durchsetzung von Personen verdankt. Wir beobachten auch in Verlagswesen und Buchbranche dabei eine Art von Vernetzung, deren Seilschaften denselben schädlichen Prinzipien unterliegen, deren Gebaren sich dem Bereich von Korruption angenähert hat.

Für diese Strukturentwicklung können die großen Verlage sich nicht auf allgemeingültige Regeln berufen, da sie diese eigenständig bestimmen. Sie sind nicht vorgegeben, sondern unterstehen der unternehmerischen Entscheidung und sozialen Verantwortung dieser Einrichtungen.

Unser Verlag ist sich dagegen sicher, dass unsere Autoren und ihre Titel zu Recht beachtet werden sollten, weil sie sich das durch die Qualität und Originalität ihrer Arbeit verdient haben, und wir wollen ebenso unsere Qualität und Originalität als unabhängiger Verlag vorantreiben. Das bedeutet für uns eben auch: Wir wollen nicht solchen Kreisen informeller Förderung beitreten, denn dann muss man einen Preis zahlen, nämlich den Verlust der eigenen Unabhängigkeit.

 

Aber Sie haben auch andere, gute Erfahrungen gemacht?

Wir haben in Medien und Handel auch immer wieder wunderbare Ausnahmen erleben dürfen, die sich für unsere Autoren und ihre Bücher ohne Vorbehalte geöffnet und diese diskutiert und angeboten haben – ihnen allen gilt unser Dank! Obwohl ein unabhängiger Verlag oftmals neues, Unerprobtes und Spontanes versucht, um sich zu behaupten, bedeutet es eine große Anstrengung, überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Es ist aber leider eine seitens vieler Medienverantwortlicher bestätigte Tatsache, dass man viel zu oft allein deshalb nicht berücksichtigt wird, weil das Label oder der Autor als „unbedeutend“ systemisch nicht gewürdigt werden. Thema und Leistung mögen manchmal sogar Zustimmung finden, wir sind dann aber plötzlich dennoch nicht wichtig genug und auch nicht „befreundet“ genug. Die Monopolisierung fördert Verhaltensweisen zwischen Verlagen und Autoren, die das Ansehen der ganzen Bruchbranche nachhaltig schädigen und zur weiteren Verdrängung des Mediums führen. Die Strukturen bedeuten eine selbstgemachte Verdrängung der Buchbranche vom Markt.

 

Können Sie selbst aber nicht durch Ihre Arbeit in Medien und Vertrieb dieses Problem lösen?

Würde es in Medien und Handel heißen, das Buch habe aus diesem oder jenem Grund nicht überzeugt, dann könnte ein Verlag damit leben und seine Lehren daraus ziehen. Wir auch. Immer wieder erleben wir aber, dass unsere Bücher sehr gut aufgenommen werden, aber auf dem Markt schlagen sie nicht durch, weil zu wenig Leser das Buch überhaupt in ihre Hände bekommen. Die eingesetzten Marketingstrategien sind für Verlage wie den unsrigen vernichtend. Die Vermarktung findet nicht in den einschlägigen großen Medien und den etablierten Handelsstrukturen statt. Und so schließt sich der Kreis des „nicht die breitere Öffentlichkeit finden“ wieder, das Problem bleibt, wie es ist. Ein Zusammenschluss kleiner Verlage wäre die falsche Antwort, da sie dem Denken der Monopolisierung entspricht.

Neu ist die starke Polarisierung der Gesellschaft, die durch derartige Strukturen auch der Buchbranche mit geschaffen wurde. Dass es Kritik gibt, weil ein Verlag mit einer anderen Ausrichtung als der eigenen den Verlagspreis erhalten hat, ist demokratischem Verhalten unangemessen, denn eine Demokratie sollte das „Andere“ nicht bloß ausblenden, sondern es sich um der eigenen Auffassungen willen genau ansehen, meinetwegen dann auch ablehnen, aber die Ablehnung muss nachvollziehbar ohne leere Polemik begründet werden. Als Verlag vertreten wir ein bürgerlich-kritisches, also liberales Selbstverständnis des mündigen Bürgers und publizieren gesellschaftskritische Autoren, die ganz unterschiedlichen politischen Ausrichtungen zugeschrieben werden. Wir machen keine Bücher zur Untermauerung eines modern gewordenen Mitläufertums, sondern zur Festigung der Demokratie, die u.E. darin besteht, die andere Seite anzuhören und auf seriöse Weise eigene Schlüsse zu ziehen. Es muss wieder um eine Wertfindung oberhalb der bestehenden gesellschaftlichen Segmente gehen. Im Umlauf sind aber oftmals nur noch liebgewonnene Vorurteile, an denen man festhält, während man das Anderslautende (egal welches) mundtot macht und bekämpft. Das ist nicht zukunftsorientiertes Handeln, sondern kurzfristiges.

Vor diese großen gesamtgesellschaftlichen Probleme gestellt, können wir natürlich nur auf unserer Unabhängigkeit bestehen und zäh und leidenschaftlich an ihr und für sie weiterarbeiten – durchbrechen können wir diese Schranken dabei nur bedingt, dazu benötigt man enorme Mengen von Geld für umfassende Kampagnen. Eine so wie die derzeitig strukturierte Buchbranche aber ist aufgrund ihrer Konzentrationsprozesse rund um die Akkumulation von Geld nicht überlebensfähig und verfolgt eine gesamtgesellschaftlich nicht wünschenswerte Entwicklung, die ihrem demokratischen Bildungsauftrag nicht mehr gerecht wird.

 

Was müsste sich also ändern?

Was den Deutschen Verlagspreis betrifft, so hat dieser sich auf die Fahnen geschrieben, den Facettenreichtum der Branche zu fördern. Dann soll man das auch tun, diese Selbstverpflichtung ernstnehmen und ernstgemeinte, messbare Kritierien auch immer wieder an den Beteiligten und Preisträgern überprüfen. Die angewandten eigenen Bewertungsmaßstäbe erscheinen uns aber aus besagten Gründen übergangen. Es geht nicht an, dass solche Summen öffentlicher Gelder nur nach Bekanntheitsgrad, informellen Kriterien und subjektiver Wahrnehmung verteilt werden und dann Verlage dabei sind, die die Kriterien nicht erfüllen wie der besagte Verlag, dessen Titel nicht lektoriert war, oder ein Verlag, der in diesem Jahr nicht die geforderten vier, sondern nur zwei Neuerscheinungen herausbringt; oder ein Verlag, der vielleicht formell unabhängig sein mag, jedoch vom Vertriebsnetz eines der Großen mitgetragen wird, usw. Offengelegt sollte auch sein, was für Facetten man konkret eigentlich meint, ansonsten ist für alle klar, dass man wieder nur die Phrasendreschmaschine angeschmissen hat.

Wenn wir Unabhängigen kaum reale Chancen haben, von der Öffentlichkeit beachtet zu werden, ist das grundsätzlich problematisch. Von Redakteuren in den großen Medien heißt es sinnentleert und polemisch meist nur, sie seien „arrogant“ und sie beachteten die No-names deshalb nicht. Aber hat das, was dort besprochen wird, denn eine größere Relevanz für die Menschen um uns herum als das, was in unabhängigen Verlagen publiziert wird? In unserer heutigen stark segmentierten Gesellschaft würden wir das klar verneinen. Es muss also viel stärker um Inhalte, um Qualität gehen!

Ganz grundsätzlich ist die Frage für einen Kulturschaffenden: wie sähe der Buchmarkt und unsere Kultur als Ganzes aus, wenn nicht Marktmacht, Vernetzungen, Label und die Hülle entscheidend wären, sondern wenn verantwortete positive Maßstäbe an die Stelle der Angst vor wirtschaftlichem Versagen träten? Was wäre, wenn wir alle mutiger wären und mehr Offenheit auch für das Ungelesene, das wirklich Neue, auch für die No-names, für bislang unbekannt gehaltene Autoren und Verlage hätten und uns unabhängig von Rang und Namen für Inhalte, Qualität und Originalität stark machen würden?

Das Buch ist letztlich ein geistiges Produkt. Es darf unterhalten, es darf kurzweilig sein, es muss aber frei sein und leben dürfen! Die Interessen von Märkten und Macht sind da aber oft nur hinderlich. Daher möchten wir an Medien und den Handel und an alle appellieren, die mit Büchern zu tun haben: Lassen Sie sich überraschen und bergen Sie noch unentdeckte Schätze! Gehen Sie mehr Wagnisse ein!  Denn eins ist sicher: Nur Qualität, auch jene noch unentdeckter Schätze, erreicht wirklich die Herzen der Leser! Und davon profitiert die gesamte Buchbranche.